Mehr als nur ein "kulinarischer Geheimtipp"
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- Kategorie: Reiseblog
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Zum Flair von Paris gehört auch die berühmte französische Küche. Jo Wagner war im „Chartier“, einem typischem Pariser Lokal für die Börse des Städtetouristen. Tauchen Sie mit ihm ein in das klassische, kulinarische Paris.
Nur drei Tage in Paris, oder gar nur über das Wochenende in der Stadt an der Seine? Da möchte der normale Stadtbesucher nicht unbedingt viel Zeit „mit Nebensächlichem“ verbringen – in der Regel schon gar bei einem opulenten Acht-Gänge-Menü in einem Sternetempel. Nein, in Paris geht das auch anders – und es muss dabei nicht der Besuch einer Frittenbude oder eines Hamburger-Lokals sein.
Es gibt sie noch, die typischen Pariser Lokale, die einen Besuch wert sind – so zum Beispiel das „Chartier“. Eigentlich liegt es eher unscheinbar in einer kleinen Seitenstraße, versteckt sich gewissermaßen dort. Obwohl, in so manchem Reiseführer steht die Adresse verzeichnet, zudem machen ein paar beleuchtete Pfeile an der Straße darauf aufmerksam. Aber all die Hinweise sind nichts gegen die Schlange, die sich allabendlich von der Straße über einen Innenhof hinweg zur Eingangsdrehtür zieht. Beim „Chartier“ heißt es normalerweise anstehen, denn der Zulauf am Abend ist enorm. Und die Besucher sind beileibe nicht nur Touristen: Das „Chartier“ wird auch von den Bewohnern des Quartiers gerne aufgesucht.
Gegen 20.30 steht man schnell mal gute 45 Minuten an: Der „Maître D’“ winkt seine Gäste in Gruppen ins Innere. Durch die Drehtüre gelangt man ins Innere – und tritt ein in eine andere Welt: großer Saal, eine Halle mit hoher Decke, eine Empore, Fin-de-Siècle-Lampen, alles ist in dunklem Holz gehalten, auffällig sind die vielen Schubläden an den Wänden, für die Servietten der Stammgäste. Die Tischreihen sind eng an eng. Fast hat man den Eindruck, man ist in einer Bahnhofshalle gelandet – was für dieses Gefühl fehlt, ist die nächste Lautsprecherdurchsage für einen ankommenden Zug, doch das gesamte Ambiente ist klassisch, es ist Paris.
Der Tischkellner nimmt den Besucher in Empfang und „platziert“ – und der Begriff passt hier wirklich. Von wegen lauschiges Plätzchen für ein Tête à Tête: Im „Chartier“ gibt es nur ganz wenige Tische für zwei Personen; man wird platziert, und da sitzt man dann eben an einem Tisch mit anderen, wildfremden Gästen. Doch dann geht alles fix, kaum sitzt man, wird Baguette und Wasser gebracht, und es wird auch schon nach den Getränken gefragt. Die Kellner wuseln hin und her, in typischer Tracht mit langer weißer Schürze und Fliege – und balancieren dabei zahlreiche Teller auf ihren Armen. Sehens- und erlebenswert, denn selten kommt es zu „Unfällen“.
Einen Leerlauf scheint es hier nicht zu geben, kein Wunder bei dem Andrang gegen 20, 21 Uhr. Die Besucher kommen aus allen Herren Ländern. Das führt dazu, dass die Kellner, dem Tourismus sei Dank, mittlerweile ohne „größere Probleme“ auch mal andere Sprachen verstehen (können). Aber das spielt im „Chartier“ eh keine Rolle, man saugt zunächst die besondere Atmosphäre in sich auf, die weit entfernt ist von einem Snobismus jedweder Art – obwohl in früheren Jahren Maurice Chevalier und Edith Piaf oft hier zu Gast waren.
Das „Chartier“ hatte in seiner Geschichte (seit 1896) bislang nur vier Besitzer und ist, wie es in Frankreich so schön heißt, seit 1989 eine „zu schützende nationale Einrichtung“: Es ist die lebendige Fortsetzung der früheren „Bouillon-Restaurants“, Einrichtungen, die eher Suppenküchen glichen. Schließlich bezeichnete der Begriff „restaurant“ bis ins 18. Jahrhundert eine Fleischbouillon (frz.: restaurer). Das erste Restaurant, das nur Gäste akzeptierte, die auch Speisen verzehrten, eröffnete erst Mitte des 18. Jahrhunderts in Paris. Zuvor war es unüblich, dass der Wirt Einzelportionen zubereitete. Zudem schickte es sich nicht für den französischen Adel des „Ancien Régime“, außer Haus ein gehobenes Mahl einzunehmen.
Aber die Zeiten sind längst vorbei, geblieben ist in diesem erlebenswerten Fall das Interieur – und auch eine vielfältige Küche, die für einen „kleinen Geldbeutel in Paris“ ein schmackhaftes Menü offeriert, noch dazu, was in Paris nie verkehrt ist, wird es schnell serviert. Zum Beispiel gebutterte Krevetten, Rumpsteak mit Landkartoffeln, eine „Mousse chocolatee“ und den üblichen trockenen Hauswein: Für rund 20 Euro ist das hier zu haben. Zum Glück ist es keine „Nouvelle Cuisine“ mit Mini-Portionen und viel Dekor auf großen Tellern, sondern typische französische Küche, rustikal, gut und schmackhaft. Dazu gibt es gewissermaßen als Dreingabe beste Unterhaltung mit den Tischpartnern, vorausgesetzt, man versteht sie etwas.
Wenn der Andrang zu groß ist, die Schlange auch am späteren Abend nicht abnimmt, kann es schon mal vorkommen, dass wegen der wartenden Gäste auch kein Café serviert wird – sondern nach dem letzten Bissen … gleich die Rechnung. Voila: Im „Chartier“ sollen die Gäste eben essen, und nicht unbedingt nach dem Mahl noch miteinander sprechen. Insofern ist es vielleicht nicht gerade der beste Platz für einen Heiratsantrag – oder ein Ort, um ein wichtiges Geschäft zu feiern.
Übrigens; wer auf einen ordentlichen Beleg Wert legt, wird kein Glück haben, denn die Rechnung („l’addition“) wird vom Kellner üblicherweise auf die Papiertischdecke geschrieben. Wer einen Beleg braucht, muss eben ein Stück von der Tischdecke abreißen – aber auch das hat ja gerade in Paris etwas. (jo wagner)
Weitere Informationen
Infos zum „Chartier“, normalerweise mittags (11.30 bis 15) und abends (18 bis 22 Uhr) geöffnet, finden sich online unter www.restaurant-chartier.com, Infos zu Paris unter anderem auf der Internetseite www.franceguide.com – oder natürlich in den regionalen Reisebüros.
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